Gedenken zum 80. Jahrestag der Reichspogromnacht 1938

Text und Fotos: Roswitha Strüber

80 Jahre ist es her, dass im gesamten Deutschen Reich der Hass der nationalsozialistischen Machthaber auf die jüdischen Mitmenschen und ihre Kultur offen ausbrach, als in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 hunderte von Synagogen, Bethäusern und Geschäften den Flammen des Nazi-Terrors zum Opfer fielen. Eigentlich sollten 80 Jahre eine ausreichende Zeit für die nachfolgende Gesellschaft sein, sich zu besinnen und die notwendigen Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen. Doch die Wirklichkeit heute sieht anders aus. Vermehrt zeigen sich wieder antijüdische Hetzparolen und Übergriffe, die sogar von einer Partei im Deutschen Bundestag toleriert werden.

Unverzichtbar in dieser Situation ist es, wie Bürgermeister Ulrich von Kirchbach auf der diesjährigen Veranstaltung der Israelitischen Gemeinde Freiburg zum Gedenken an die Reichspogromnacht am Samstag, dem 10.  November betonte, die junge Generation, die Schülerinnen und Schüler, umfassend über die von den Nazis begangenen Gräueltaten aufzuklären. Da authentische Zeitzeugen immer weniger werden, kommt Mahnmalen, Gedenkstätten und Erinnerungsobjekten eine wichtige Bedeutung zu. So überreichte der Bürgermeister im Rahmen der Gedenkveranstaltung der Vorsitzenden der Israelitischen Gemeinde Irina Katz die Replik eines Bildes von dem Freiburger Künstler Alexander Dettmar mit dem Motiv der 1938 zerstörten Synagoge am Werthmannplatz. In ihren Dankesworten betonte Katz, dass das Synagogenbild einen würdigen und exponierten Platz  finden wird.

 

Zuvor sprach Kantor Moshe Hayoun im Betraum den Hawdala-Segen. Diese Zeremonie vollzieht die Trennung zwischen dem zu Ende gegangenen heiligen Schabbat-Tag und der neu beginnenden Woche und beinhaltet Segenssprüche über einen Becher mit Wein, eine Schale mit Gewürzen und eine brennende Kerze. Mit dem Kiddusch endete die Hawdala. Anschließend trug der Kantor das „El Male Rachamim“ vor.

In dem folgenden Vortrag „Vor 80 Jahren: Pogrom 1938. Bilanz eines staatlichen Verbrechens“ zog Andreas Meckel einen weitgespannten Bogen von den Ursachen und Gründen, die die Entwicklung des nationalsozialistischen Regimes maßgeblich befördert haben, über  Machtstrukturen der Herrschenden und ihre Zwangsmaßnahmen gegen die jüdische Bevölkerung bis hin zu Fragen von Schuld und Verantwortung heutiger Generationen. Immer wieder lenkte Meckel auch den Blick auf die Schicksale verschiedener jüdischer Einzelpersonen und Familien, die in Freiburg gelebt haben und der Willkür der Nazis ausgesetzt waren.

Im Anschluss an den Vortrag war Raum gegeben für Fragen und Anmerkungen des Publikums. Danach war für die Anwesenden ein kleiner Imbiss mit Gebäck und koscherem Wein gerichtet. 

Für den Abend hatte die Vorstandsvorsitzende den israelischen Tenor Yoed Sorek mit seinem dem Musiktheater ähnlichen Stück „Simas Lieder. Geschichten und Lieder aus dem Wilnaer Ghetto“ eingeladen. Sorek erzählt darin Geschichten aus dem Leben seiner litauischen Großmutter Sima und verbindet sie mit den jiddischen Liedern, die die Großmutter in seiner Kindheit mit Vorliebe sang. All diese Lieder hat der Enkel in eigenen Arrangements bearbeitet und so als ausdrucksstarke Zeugnisse einer von den Nazis 1941 ausgelöschten jüdischen Kultur im damaligen Litauen vor dem Vergessen bewahrt.

Die tiefe, innige Verbundenheit, die Yoed Sorek für seine 2015 in Jerusalem mit 91 Jahren verstorbene Großmutter fühlt, zeigt sich in jedem seiner Lieder und Geschichten. Die Zuschauerinnen und Zuschauer waren fasziniert und ergriffen von dem außergewöhnlichen Vortrag und bedankten sich herzlich.

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