Jahrestag der Deportation der badischen Juden nach Gurs

Gedenkfeier am Montag, 22. Oktober 2018 am Mantel-Mahnmal auf der Wiwili-Brücke

Rede Frau Irina Katz

(Vorstandsvorsitzende)

Israelitische Gemeinde Freiburg K.d.ö.R.

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

 

in seiner berühmten Rede vom 8. Mai 1985 forderte der ehemalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker vehement das gesellschaftliche Erinnern als eine politische Verantwortung ein. Wörtlich heißt es in seiner Rede: „Wer aber vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart. Wer sich der Unmenschlichkeit nicht erinnern will, der wird wieder anfällig für neue Ansteckungsgefahren.“ Wenn wir heute hier am Gedenkort „Vergessener Mantel“ stehen und uns das leidvolle Schicksal der rund 450 Freiburger Juden ins Gedächtnis rufen, die am 22. Oktober 1940 von hier aus in einem entwürdigenden Willkürakt in das südfranzösische Internierungslager Camp Gurs deportiert wurden, so pflegen wir nicht nur eine respektvolle Kultur der Erinnerung, sondern wir erfüllen zugleich auch eine uns auferlegte politische Verpflichtung. Unsere  jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger wie auch die weiteren sechs Millionen Juden, die durch die Gewaltherrschaft der selbsternannten nationalsozialistischen Herrenmenschen ihr Leben verloren, wurden Opfer einer kollektiven Blindheit für das menschenverachtende Treiben der damaligen Machthaber.

 

Heute gilt es angesichts der besorgniserregenden Entwicklungen im gesellschaftlichen und politischen Umfeld mehr denn je, die Verbrechen und Grausamkeiten der Nationalsozialisten zu vergegenwärtigen. Menschen, die als Zeitzeugen jungen Leuten in Schule und Ausbildung authentisch über das Geschehene berichten können, werden von Jahr zu Jahr immer weniger. So gewinnen die Orte, an denen Unrecht geschah, zunehmend an Bedeutung. Sie stehen gewissermaßen als stumme Zeugen für das Leid der Verfolgten, Gefolterten und Ermordeten. Diese Orte in einer angemessenen und würdigen Weise aus dem Alltag herauszuheben, muss eine Selbstverständlichkeit sein. Deshalb sind wir dankbar, dass die bronzene Plastik „Vergessener Mantel“ auf Initiative der Stadt Freiburg im Jahr 2003 hier an der Wiwili-Brücke ihren Platz gefunden hat. Sie hat ihren festen Ort in unserem öffentlichen Raum und fordert Vorübergehende immer wieder zu nachdenklichen Reflexionen heraus.

 

Wenn Menschen wie letztens der AfD-Politiker Höcke das Holocaust-Mahnmal neben dem Brandenburger Tor in Berlin als „Denkmal der Schande“ beschimpfen, so zeigen sie unmissverständlich, in welcher ideologischen Tradition sie sich bewegen. Hier lebt nationalsozialistisches Gedankengut weiter und wirkt wie ein Nährboden für die neuerliche antisemitische Hetze. Diesen Hasstreibern müssen wir uns mit aller Entschlossenheit und Konsequenz entgegenstellen.

 

Gedenkstätten sind Orte persönlicher wie auch kollektiver Erinnerung. Sie holen die vergangenen Tragödien aus dem Vergessen in das gegenwärtige Bewusstsein zurück, wie die Diskussion um die Errichtung einer Gedenkstätte in Babi Jar beispielhaft zeigt. Dort, in einer Schlucht nahe der ukrainischen Haupstadt Kiew, ermordeten am 29. und 30. September 1941 deutsche Einheiten der Wehrmacht, des Sicherheitsdienstes und der Sicherheitspolizei 33 000 jüdische Männer, Frauen und Kinder in nicht einmal 36 Stunden. Eine unvorstellbare Massenhinrichtung, die, lange Zeit totgeschwiegen, erst in den letzten Jahren in den Blick der Öffentlichkeit gelangte, nachdem nun ein Mahnmal den Ort des Schreckens markiert.

 

Eine der zur Deportation gezwungenen jüdischen Freiburgerinnen war Therese Loewy, Ehefrau des zuvor verstorbenen Mathematikprofessors Alfred Loewy. Wenige Stunden vor dem Abtransport nahm sie sich das Leben, in Vorahnung der bevorstehenden Unmenschlichkeiten. Unmittelbar vor ihrem Tod schrieb sie einen Brief an ihre Freundin. Dort heißt es unter anderem:

 

„Ich scheide ohne Verbitterung und klaglos, nur voller Trauer über die
Schmach, die meinem Volk, dem Volk Gottes, angetan wurde, von meinem
Volk, dem Volk der Deutschen, dem ich mich zugehörig fühle, das mir
vertraut ist seit Kindheit an, dessen Sprache ich als Muttersprache spreche
und liebe. Auch wenn dieses Volk sich unter das Kreuz, unter die Karikatur
des Kreuzes, das Hakenkreuz gebeugt hat. Dieses Zeichen scheint
siegbringend zu sein. Und unser Volk ist vom Siegestaumel überwältigt.
Doch glauben Sie, verehrte Freundin, der Anfang vom Ende ist da. Er hat
uns bereits eingeholt, ja überholt.“

 

Am Ende des Briefes bittet Therese Loewy , deren Grab sich auf dem Alten Jüdischen Friedhof an der Elsässer Straße befindet, ihrer zu gedenken und ihre Leiden nicht in der Vergessenheit versinken zu lassen. Ihr, den 450 nach Gurs verschleppten Freiburger jüdischen Menschen sowie allen sechs Millionen jüdischen Nazi-Opfern gelten am heutigen Tag unsere ehrenden Gedanken.

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