Gedenken an Jom haSchoa 2021

Sechs Fackeln für sechs Millionen ermordete Juden

Gemeinde schaut auf Fernseher

Mehr als sechs Millionen jüdische Menschen wurden im Zweiten Weltkrieg von den Nationalsozialisten ermordet. Dieser rassistisch motivierte Völkermord zählt zu den dunkelsten Epochen der deutschen Geschichte. Ihn nicht der Vergessenheit anheimfallen zu lassen, ist eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung. Mit Jom haSchoa hat der Staat Israel einen Nationalfeiertag eingerichtet, der dem Gedenken der Holocaust-Opfer gewidmet ist. Diesen Tag nehmen die jüdischen Diasporagemeinden weltweit zum Anlass, ebenso mit zahlreichen Veranstaltungen der Ermordeten zu gedenken. Am Vorabend des diesjährigen Jom haSchoa, am Mittwoch den 7. April 2021, entzündete die Israelitische Gemeinde Freiburg abends am Gedenkbrunnen auf dem Platz der Alten Synagoge sechs weithin sichtbare Fackeln, eine jede für eine Million ausgelöschter Lebenslichter.

Für den Folgetag, Donnerstag den 8. April, hatte die Vorstandsvorsitzende der Israelitischen Gemeinde Irina Katz zu einer Gedenkstunde in die Freiburger Synagoge eingeladen. In ihrer Begrüßungsrede blickte Irina Katz kurz auf Entwicklungsgeschichte des israelischen nationalen Gedenktags zurück. Die Auseinandersetzung mit den Opfern des Holocaust fand nicht sogleich nach der Staatsgründung Israels Eingang in das Bewusstsein der israelischen Gesellschaft. Die israelische Bevölkerung beschäftigte sich 1948 zunächst mit dem wirtschaftlichen, sozialen und politischen Aufbau des Landes, den Holocaust-Opfern sowie den Überlebenden der Shoa und deren unmenschlichen Lagererfahrungen wurde nur eine geringe Bedeutung zugemessen. Vielfach wurde sogar der Vorwurf formuliert, die Opfer hätten sich widerstandslos erniedrigen und wie Schafe zur Schlachtbank führen lassen. Allein den Widerstandskämpfern und Partisanen, die sich mit der Waffe den Nationalsozialisten entgegengestellt hatten, wurde Achtung und Anerkennung gezollt.

Erst der Eichmann-Prozess, der 1961 in Jerusalem stattfand und mit dem Todesurteil des Angeklagten endete, bewirkte eine Veränderung des Denkens in der israelischen Gesellschaft. Der zwei Jahre zuvor von der Knesset beschlossene Gedenktag hatte bis dahin kaum Resonanz im öffentlichen Leben gefunden. Selbst die Leitung von Yad Vashem legte in den ersten Jahren nach Gründung der Gedenkstätte ihren Schwerpunkt  der Arbeit auf die Dokumentation des Heldentums und des bewaffneten Widerstandes. Durch die täglichen Prozessberichte in allen Medien rückten die verabscheuungswürdigen Verbrechen der Nazis jedoch immer mehr in den Mittelpunkt der öffentlichen Diskussion. Quer durch alle Schichten und Altersstufen der Bevölkerung hindurch wuchsen Anteilnahme und Mitleid für die Opfer. Heute ist der Tag ein wichtiger Bestandteil der jüdischen Gedenkkultur in Israel. Er vermittelt den jüdischen Menschen einen gemeinschaftsstärkenden Sinn und verleiht ihnen nach den kompromisslosen Vernichtungsmaßnahmen der Nationalsozialisten neue Orientierung.

Blick in die Gemeinde
Gemeinde schaut auf Fernseher

Nach dem kulturgeschichtlichen Rückblick konnte Irina Katz Eva Cohn-Mendelssohn  begrüßen, die per Video aus London zugeschaltet war. Als junges Mädchen wurde Eva Cohn-Mendelssohn mit ihrer Mutter und einer ihrer Schwestern nach Gurs deportiert. Mit Hilfe einer Kinderhilfsorganisation kamen die beiden Mädchen aus der Lagerhaft frei und überlebten bis zum Ende des Krieges in Kinderheimen in der Schweiz und in Frankreich. Später zogen sie zu ihrem Vater nach London, wo Eva Cohn-Mendelssohn heute noch lebt. Mit eindringlichen Worten bat die 90jährige Zeitzeugin, die Geschehnisse der Vergangenheit nicht zu verschweigen, sondern weiterzuerzählen. Sie sind eine Mahnung für die Zukunft. Die Menschen, die unter den Nationalsozialisten Leid und Tod erlitten haben, hatten einen Namen. Solange diese Namen genannt werden, geraten die Opfer nicht in Vergessenheit. Die Jugend forderte Eva Cohn-Mendelssohn besonders auf, Courage zu zeigen, nicht Mitläufer zu sein, sondern den Mut zu haben, für den Frieden und gegen Rassismus zu kämpfen.

Michael Moos, Freiburger Stadtrat, hob in seinem Grußwort ebenfalls die Notwendigkeit von Erinnerungs- und Gedenkveranstaltungen hervor. Vor allem der Jugend muss Gelegenheit gegeben werden, sich mit dem Nationalsozialismus zu beschäftigen, mit seinem Entstehen und mit seinen furchtbaren Auswirkungen.

Angesichts des kollektiven Erinnerns an die jüdischen Opfer des NS-Regimes, das Israel u. a. mit einem zweiminütigen Innehalten des Straßenverkehrs begeht, stellte Moos die Frage, ob diese Geste auch in Deutschland möglich ist, in dem Land, aus dem die Verbrecher hervorgegangen sind. Aber viele wollen sich nicht mehr erinnern, obwohl es notwendig und der Holocaust ein Teil der Menschheitsgeschichte ist.

Julia Wolrab, Leiterin des zukünftigen Freiburger NS-Dokumentationszentrum und per Video zugeschaltet, erinnerte daran, dass hinter jedem Namen der Opfer von millionenfachen Nazi-Verbrechen ein Schicksal steht, ein Mensch oder eine Familie, deren Leben für immer zerstört oder ausgelöscht wurde. Ihrer zu gedenken ist Pflicht und ein Akt der Menschlichkeit zugleich. Wolrab wies auf die jüngst erschienene Publikation von dem Freiburger Historiker Ulrich Herbert hin, der in seinem Buch fragt, wer waren die Nationalsozialisten, die für all die Verbrechen verantwortlich sind. Die Antwort: Es waren keine fremden Menschen, sondern die eigenen Väter, Familienangehörige, Freunde, Nachbarn und Kollegen, Menschen aus allen Schichten der Gesellschaft.

In Vertretung von Erzbischof Burger sprach Dr. Fabian Freiseis von der katholischen Kirche Freiburg allen israelitischen Gemeinden Badens Mitgefühl und Anteilnahme des Erzbistums für die Opfer der Schoah aus. Wenn Christen und Juden gemeinsam des Holocaust gedenken, so ist das eine religiöse Handlung. Es werden die Namen der Ermordeten vor den Ewigen getragen, damit sie nicht in Vergessenheit geraten, die Leugnung der nationalsozialistischen Verbrechen zieht jedoch immer weitere Kreise. Das Gedenken an den Holocaust und die Erinnerungskultur sind fragile Konzepte, da die Zeitzeugen weniger werden und als unmittelbar Betroffene nicht mehr berichten können. So ist es Aufgabe der Gesamtgesellschaft, die Erinnerung an das verbrecherische Geschehen wach zu halten.

Im Jahr 2001 gründete Rosita Dienst-Demuth, Lehrerin an der Lessing-Realschule in Freiburg, eine Geschichtswerkstatt, in der sie mit Schülerinnen und Schülern die Schicksale der Ermordeten und Überlebenden der jüdischen Zwangsschule erforscht. Die Nationalsozialisten hatten verfügt, dass jüdische Kinder getrennt von den anderen in einer gesonderten Einrichtung, die von 1936 – 1940 der Lessingschule angegliedert war, unterrichtet werden mussten. In einem kurzen Vortrag stellte Dienst-Demuth die Absicht und Arbeitsweise der Geschichtswerkstatt vor. Anschließend verlasen einige Schüler des Projekts und ihre Eltern die Namen der 360 Freiburger Juden, die im Oktober 1940 in das südfranzösische Lager Gurs deportiert wurden.

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Mit dem Kaddisch, dem traditionellen jüdischen Totengebet, gedachte Kantor Moshe Hayoun allen Opfern des Holocaust. Zum Abschluss des Gedenkens im Betraum der Synagoge intonierten Markus Schillberg und Marcel Bühler, die für die musikalische Begleitung der Veranstaltung verantwortlich waren, die israelische Nationalhymne haTikwa. Danach lud die Vorstandsvorsitzende zu einem kleinen Buffet im Freien auf den Stufen der Synagoge ein.